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Das Leben ein Schlachtfeld – 25. Nationales Theaterfestival, Bukarest

25 Jahre Nationales Theaterfestival Bukarest - Jubiläumsausgabe 2015

Die kleineren Bühnen und die aus der sog. Provinz hatten in der Jubiläumsausgabe des Festivalul National de Teatru FNT 2015 das Sagen. Ungarisch sprachige Häuser spielten eine beachtliche Rolle.

Anlässlich eines runden Festivalgeburtstags sollten es viele ungewöhnliche Theaterspektakel aus ganz Rumänien zum 10tägigen Nationalen Theaterfestival ab Ende Oktober in die Hauptstadt schaffen. Fast fünfzig Produktionen hatte die künstlerische Leiterin Marina Constantinescu nach Bukarest geladen, darunter als ausländische Gäste das Thalia Theater Hamburg und eine russisch- englische Koproduktion des Edinburgh Festivals. Obwohl im Vorfeld immer wieder behauptet wurde, man habe nach Qualität und nicht nach einem Slogan ausgewählt, so waren letztlich nahezu alle Produktionen unter der äußerst aktuellen Thematik vereint "Das Leben ein Schlachtfeld". Von der monumentalen Produktion bis hin zum Monodrama gestaltete sich für den Besucher eine Auswahl schwierig, jedoch wurde den unterschiedlichen Interessenlagen und Vorstellungen von Theater Rechnung getragen. Vom frisch renovierten Nationaltheater mit zahlreichen Spielbühnen über Boulevardstätten zum kleinen Kellertheater hatten UNITER, ARCUB & National Theater "I.L. Caragiale" Bukarest, als Veranstalter, finanziert vom Kulturministerium und der Stadt, das Zentrum der rumänischen Hauptstadt zu einer riesigen allabendlichen Spielbühne umfunktioniert. Am zentralen Drehkreuz von U-Bahn und Unterführung unter dem Universitätsplatz breitete sich die Festivalgeschichte in Plakaten, Fotos, Bücherständen und Multimediavisionen im Jubiläumsjahr 2015 aus.

Die Regiegiganten des Landes gaben sich mit mindestens einer ihrer Inszenierungen die Ehre, darunter Silviu Purcarete, Andrei Serban und Radu Afrim. Gabor Tompa, Victor Ioan Frunza, Mihai Maniutiu, Cristi Juncu, Alexandru Mihail, Claudio Goga, u.a. breiteten ihre Inszenierungsfächer aus, worunter die ungarisch sprachigen Theater des Landes eine subtile Farbigkeit ins Spiel brachten. Dass Alexander Hausvater mit seiner packenden Inszenierung der "Balkanfrauen" des Theaters von Targoviste außen vor blieb, ist manchem Besuchern ein Rätsel geblieben; es zeigt, dass doch - wie bei jedem derartigen Großfestival – "nicht nur Qualität eine Rolle spielt", wie einige Kenner der Szene unverhohlen äußerten.

So mag auch diese Reminiszenz an ein gelungenes Theaterfestival 2015 in Bukarest mit einigen subjektiven Nennungen eines Reporters, der Rumänien und sein Theater liebt, fortgesetzt werden:

Das Puppentheater Tandarica, Bukarest, gab in der Inszenierung von Urgestein Cristian Pepino eine ursprüngliche Version der "Konferenz der Vögel", weniger an Peter Brook als an Farid du-Din Attar’s Ideologie geknüpft. Er kombinierte Originalität und Schönheit orientalischer Philosophie mit offenem humanistischem Denken, weg von fundamentalen, fanatisch monotheistischen Aspekten hin zu tiefer, rationaler Selbsterkenntnis.
Stückeschreiber Radu Iacoban ließ im "Haus der Katzen" zwischen ausgestopften Exemplaren der Spezies drei Frauen hinter der Maske von Ironie die Bitternis gebrochener Schicksale und in Humor verpackt die Trauer des Lebens im Kampf ums Überleben ihre Lektion lernen, beinahe erstickt von den bedrückenden Wänden des "Teatru Foarte Mic - Sehr Kleinen Theaters" (Bukarest), umgeben von Alkohol, Zigaretten und vor allem Klischees.
In "Emigranten" von Slawomir Mrozek spiegelten Matei Rotaru und Tudor Lucano (Regisseur) die Erfahrungen des Autors zeitnah und brandaktuell (National Theater Cluj). Daniel Keyes' sicher bekanntestes Werk "Blumen für Algernon" beschreibt in Tagebuchform die Auswirkung eines Experiments: die Entwicklung eines geistig zurückgebliebenen Mannes zum Genie und seinen anschließenden tragischen Rückfall in die Umnachtung. Im Rahmen des FNT Bukarest brachte Teatrul Act diese Vorlage als Ein-Frau-Stück auf die Bühne. Eine gute Leistung von Iulia Colan, die sich zudem selber inszenierte.

"Vertij - Vertigo", eine ergreifende, zeitgenössische Tanzvorstellung des Teatrul Aureliu Manea, Turda, basierte auf einem Text des Schriftstellers Mihai Maniutiu (Regie) über seine Mutter im Kampf mit dem Feind Alzheimer. Den Konflikt mit der eigenen Mutter trug recht offensichtlich auch Regisseur Radu Afrim aus in "Die Ruhe" nach Attila Bartis. Afrim kreiert mit der "Tompa Miklos Truppe" des Nationaltheaters Targu-Mures ein Stück an der Schwelle zwischen Realität, Traum und Wachtraum, wobei er das Geschehen ins Dunkel taucht - von der Mutter gibt es kein warmes Bild, die Figuren sind durchgängig verzweifelt oder gescheitert. Sowohl die Wirklichkeit als auch deren Abwesenheit werden lebendig, (DIE ZEIT, 05/2006). "Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles erlaubt". Darin überzeugte dieselbe Truppe in Fjodor Dostojewskijs Tausendseiter "Die Brüder Karamasow", (Kurz-Fassung von Richard Crane).

Gabor Tompas gekonnte Umsetzung von Alfred Jarrys "UBU in Ketten" wurde nicht von allen Zuschauern gleichermaßen geschätzt. Der absurde Wunsch nach "Freiheit in Ketten!" offenbart sich aber heuer auf der ganzen Welt. "Die schon preisgekrönte Vorstellung des Nottara Theaters, Bukarest "Der einsame Westen" von Martin McDonagh in der Inszenierung von Cristi Juncu beobachtete minuziös ganz weit in einer Provinz mit fiesen grünen Wiesen die arbeitslosen, depressiven und versoffenen Männer und die frustrierten, quatschenden Frauen, beleuchtet in Nahaufnahme wie schlecht es um die Erziehung des Menschengeschlechts steht: das Tier im Katholiken, das Amoralische im Kleinbürger.

Drei Stunden Tschechow "Platonov" in der Adaption von Andreea Vulpe des Maria Filotti Theaters (Braila) vergingen wie im Flug. Die Schule verwandelte sich in ein Schlachtfeld bei Vlad Christaches Inszenierung der "History Boys" von Alan Bennett des Excelsior Theaters, Bukarest, eigentlich eine Coming-out Geschichte. Saviana Stanescu, die das dunkle Rumänien verließ, um in hellen New York aufzuwachen, schrieb "Aliens ...Visa de Clown", eine schwarze Komödie aus dem unglücklichsten Land auf der Welt, Moldau, die all ihre Hoffnung auf ein US-Visum setzt. Eine gute Regieleistung von Alexandru Mihai und den Darstellern Nicoleta Lefter und Marius Damian.

Zurück zum übergreifenden Thema "Krieg, Gewalt, Tod" als großes Theater:
Mit "Büffel" des katalanischen Autors Pau Miró lieferten Jungdarsteller des Nationaltheaters Sibiu/Hermannstadt eine beeindruckende Vorstellung ab: Eine Familie zerbricht an Tod und Inzest, vier "Büffel"-Kinder überleben, um die tragische Familiengeschichte weiter zu geben. Hier zeigt Regisseur Afrim, wer er ist, wenn er wieder einmal Randgruppen unserer Gesellschaft auf ein großes Podium stellt, diese Menschen in die Mitte des allgemeinen Interesses rückt und ihnen damit den gebührenden Platz zurückgibt. Nicht umsonst wurde er 1999 für sein spezielles soziales Engagement mit dem KulturPreis Europa ausgezeichnet.
"Charly Hebdo" gab den Ausschlag für die Inszenierung von "Terrorismus" der russischen Brüder Presnjakow in der Regie von Felix Alexa, eine Aufführung des Nationaltheaters Bukarest. Lessings "Nathan der Weise", eine aufwendige Koproduktion des Nationaltheaters Sibiu und des Staatstheater Stuttgart, enthüllte in der Regie von Armin Petras seine Gültigkeit im Transfer zu Terrorismus und Rassismus und einem aktuellem Gewaltgeschehen in beiden europäischen Ländern.
"Mein Kampf" von George Tabori aus Cluj war gänzlich abgestellt auf den rumänischen Theatergeschmack in seiner Farbigkeit und einem überaus komödiantischen Ausbreiten mit musikalischen Breaks. Das erinnerte daran, wie Brecht Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts mit der "Dreigroschenoper" seine Ideologien ans Publikum brachte. Kurz gesagt: Tabori ist auf den Jahrmärkten angekommen.
"War", eine russisch-englische Koproduktion zeigte bravouröse russische Schauspielkunst und versuchte dazu mit gewalttätigem Sound und technischen Effekten zu beeindrucken. "Front" des Thalia Theaters lieferte oratorienhafte Bühnenlesung nach E.M. Remarques "Im Westen nichts Neues" ab. "Die Unterrichtsstunde" (E. Ionesco) hatte Mihai Maniutiu mit dem Nationaltheater Sibiu in eine japanische Großkulisse verlegt, Monumentaltheater mit Aussicht auf internationale Tournee.

Die kleineren rumänischen Bühnen und die aus der sog. Provinz hatten in der Jubiläumsausgabe des Festivals das Sagen. Darunter spielten die ungarisch sprachigen Häuser eine herausragende Rolle. Und aus diesem Sprachraum war da noch die äußerst clevere Idee des Ungarischen Staatstheaters Timisoara, sich auf John Gays "Bettleroper" zu besinnen, das Stück neu zu texten und zu vertonen, eine wunderbare, mit wenigen Mitteln effektvoll inszenierte, musikalische Show mit Seitenhieb auf Rumänien, Serbien, Ungarn und das aktuelle Weltgeschehen.

Morgendliche Diskussionsforen, Lesungen und Buchvorstellungen füllten den Tagesplan. Darunter "Muzici si muze – vom Theaterstück zum Musical" von Maria Zarnescu und die sehr beachtete Buch-Präsentation von Florin Vidamski "Drumul spre spectacol prin metoda David Esrig" (Die David Esrig Methode für ein existentielles Theater) durch die Esrig selber führte. (Dieter Topp)

 

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